Kirner und seine Zeit – Im Spiegel der Literatur

Als komplexes Thema erwies sich der Vortrag von Hermann Kinder aus Köln im Museumsgasthaus »Arche«. Mit »Kirner und seine Zeit – Im Spiegel der Literatur« ging der emeritierte Literaturprofessor auf Spurensuche. Er erläuterte die Verbindungen des heimischen Malers Johann Baptist Kirner, »unser Landsmann«, zu dem befreundeten Schriftsteller Berthold Auerbach, der als »jüdisch geborener Deutscher« in Nordstetten, heute Horb am Necker, das Licht der Welt erblickte. Wie sein Großvater sollte Moses Baruch Auerbacher Rabbiner werden. Doch ihn reizte die Literatur, die sich im Spannungsverhältnis jüdischer Abkunft, politischer Umorientierung, dörflichen Lebens, städtischem Fortschritts, Handwerkskunst und Industrialisierung bewegte. Er kreierte geradezu einen neuen Realismus. Solide Charaktere liegen ihm am Herzen Solide Charaktere, natürliches Leben und Stilisierung bäuerlichen Daseins lagen ihm am Herzen. Damit wollte er städtischer Bevölkerung und Adel den Spiegel vorhalten. »Ich weiß, dass der Bauer Mist an den Kleidern und Stiefeln hat, aber den schreib’ ich nicht ab«. Mit seinen »Schwarzwälder Dorfgeschichten« beeinflusste er abseits von Romantik eine ganze Generation von Schriftstellern vor allem im südlich-deutschsprachigen Raum, erntete Beifall, aber auch abwertende Kritik. Der populäre Auerbach, der nichts mit einem Leipziger Restaurant zu tun hat, geriet in Vergessenheit. Sein pädagogisch-lehrhafter Stil hatte ausgedient.

Hermann Kinder ging auf die Lebensstationen von der Geburt am 28. Februar 1812, über die jüdische und schulische Bildung, sowie die Stationen München, Wien, Dresden oder Berlin, Hochzeiten und den Einfluss Spinozas bis zum Tod am 8. Februar 1882 in Cannes ein. Mit Blick auf die Ewigkeit, verständlicher Sprache und offener Beobachtungsgabe schuf der Liberale, der auch auf dem Hohen Asperg landete, das seinerzeit international berühmte»Barfüßele«, ein dörfliches Aschenputtel. Ein Denkmal für den Schwarzwald setzte er mit »Edelweiß«, eine Uhrmachergeschichte mit Lenz als Hauptfigur. In dichterischer Freiheit werden geografische Orte und reale Personen verschlüsselt. Die Eisenbahn spielt eine Rolle, Pünktlichkeit war gefragt und somit die Uhr. Unterschwellig erscheinen Robert Gerwig, Furtwangen, der Stadtbrand, das Schneeunglück oder Martin Blessing. Kinder, der »kein Auerbach-Fan«, aber profunder Kenner ist, animierte mit seinem Referat zu weiteren Entdeckungen.

Siegfried Kouba, Schwarzwäler Bote vom 29.1.2017